20. bis 25. August 2022 – Zauberhaftes Sizilien
Ein letztes Mal alles zusammen packen, Kleidung möglichst klein rollen, Souvenirs und Andenken in den winzigen Lücken verstauen und den Reissverschluss der Reisetasche mühevoll schliessen. War die Tasche nicht noch deutlich leichter und weniger vollbepackt bei meiner Abreise vor über 4 Wochen? Ganz bestimmt!
Die letzten fünf Tage meiner Europareise verbrachte ich auf Sizilien. Ich bin bekanntlich ein grosser Italien-Fan und umso grösser war meine Freude, nach über drei Jahren endlich wieder in diesem wunderbaren Land zu sein. Bereits beim mehrstündigen Zwischenstopp in Napoli schlürfte ich genüsslich meinen Lieblingseistee (sogar besser als der Kult-Eistee!), damit verbinde ich schöne Erinnerungen an Ferien in der Toskana. Nach einigen Telefonaten mit meiner Familie und stundenlangem Lesen eines Krimis, wessen Handlung sich natürlich in Italien abspielt, flog ich nach Palermo. Am Flughafen wurde ich von meiner guten Freundin Stefania und ihrem Lebenspartner Luigi im Fiat 500 abgeholt. Auf dieser Seite der Insel ragen hohe Berge in den Himmel, wogegen es Richtung südwesten immer flacher wird. Als Unterkunft hatte ich mir ein Airbnb im kleinen Städtchen Castelvetrano gebucht. Da Castelvetrano etwas im Landesinneren liegt, waren wir grundsätzlich auf ein Auto angewiesen. Luigi arbeitet aktuell halbtags, Mitte Nachmittag holten er und Steffi mich jeweils ab und wir unternahmen etwas. So besuchten wir Marsala (Stadt mit wunderschönen alten Gebäuden), Erice (auf Hügel gelegen mit Pflastersteingässchen und wunderbarer Aussicht), Triscina (Badeort und abends viel los) und Selinunte (archäologische Stätte mit tollen Tempeln). Was mir am allermeisten gefallen hat? Das ist kein Ort, sondern die Tatsache, dass es auf dieser Seite von Sizilien praktisch keine Touristen gibt. Und wenn, dann sind es Italiener, was ich persönlich nicht als Touris empfinde, da ich sie ja nicht verstehe ;) Meine Italienischbrocken sind wirklich etwas eingerostet, den starken sizilianischen Dialekt verstand ich schon gar nicht… Danke an dieser Stelle nochmals meiner wunderbaren Dolmetscherin, ohne dich wäre ich verloren gewesen! Wobei ganz verloren vielleicht nicht, immerhin schaffte ich es alleine den Bus von Castelvetrano nach Triscina und zurück zu nehmen, um dort einen Vormittag am Meer zu verbringen. Und das ist imfall gar nicht sooo einfach, da hier kein Mensch Deutsch oder Englisch spricht. Der Versuch des Chauffeurs, mit mir eine Unterhaltung auf Italienisch zu führen, ist kläglich gescheitert ;)
Und nun noch mein Eindruck von Sizilien: Die Insel ist mehr als halb so gross wie die Schweiz, was ich ehrlich gesagt nicht wusste – hatte es mir deutlich kleiner vorgestellt. Die Sizilianer scheinen noch etwas temperamentvoller zu sein als ihre Landsmänner und -frauen, sie werden schnell laut und benutzen ihre Hände für jedes Wort. Also wie ich, nur etwas übertriebener ;) Tempolimits und rote Ampeln werden hier gekonnt ignoriert, die Hupe ist das wichtigste Instrument beim Fahren. Irgendwie mag ich das, mein Puls erhöht sich jeweils leicht und ich spüre das Adrenalin in meinem Körper. Während zwei Besuchen bei der Familie von Luigi durfte ich miterleben, wie lebhaft Gespräche geführt werden und wie wichtig das gemeinsame Essen ist. Luigis Mama hat uns allerlei Leckeres hingestellt: eingelegte getrocknete Tomaten, Melone mit Rohschinken, Auberginen mit Creme Fraiche, Zucchetti mit Käse überbacken und Ratatouille. Nur als Antipasti versteht sich. Zum Hauptgang gab es marinierten Schwertfisch, Pasta mit traditioneller Mandel-Tomaten-Pesto und grilliertes Rindfleisch. Gebäck mit Ricotta oder Nutella gefüllt (eine Art Ziegerkrapfen) rundete das Mahl ab. Alles superlecker!
In Erice probierte ich die traditionellen Genovese, ein Gebäck aus Mürbeteig mit süsser Mandel-Creme-Füllung. Von den Arancini, die mit Schinken, Mozzarella oder Bolognese gefüllt und danach fritiert sind, konnte ich nie genug kriegen. Kann mir die bitte mal jemand Zuhause zubereiten? :) Bei Luigis nächsten Besuch im November werde ich übrigens für die beiden kochen, ich fange besser schon mal an zu üben, um einigermassen mithalten zu können ;)
Die Kaffeekultur in Italien finde ich seit jeher toll. Man geht in eine sogenannte Bar, bestellt sich un caffè, trinkt ihn am Tresen, bezahlt bar und verlässt das Lokal kurze Zeit später wieder. Das natürlich mit lautstarken Gesprächen und viel Gestik. In solchen Momenten denke ich, wie wunderbar einfach das Leben doch sein kann. Das gilt übrigens auch für das Abmachen mit Freunden hier. Man trifft sich gegen Abend jeweils am Strand, immer an der gleichen Stelle neben dem Lido und ohne An- oder Abmeldung. Wie wunderbar einfach, warum machen wir das nicht so? Ah stimmt, wir haben ja kein Meer. Und sind viel zu verplant. Äbe he.
Das Leben auf Sizilien scheint entspannt, aber anspruchsvoll zu sein. Steffi erzählt mir von den schwierigen Bedingungen, hier auf ehrliche Weise genügend Geld für den Lebensunterhalt zu verdienen. Die Mafia ist in dieser Region entgegen der allgemeinen Annahme weniger ein Thema, jedenfalls nicht öffentlich. Getrickts wird aber definitiv, das konnte ich einige Male miterleben. Auch die Wetterbedingungen sind nicht immer ideal, im Sommer wird es gerne um die 40 Grad und ist sehr trocken. Olivenbäume gedeihen dafür prächtig und man sieht sie wohin das Auge reicht. Auch Reben gibt es viele, abgesehen davon wird jedoch nicht (mehr) viel Landwirtschaft betrieben. Viele Junge zieht es in die Metropolen wie Milano oder Roma (oder ins Ausland), um dort Geld zu verdienen und einen grossen Teil davon der Familie zu senden. Also ähnlich wie im Balkan und anderen Ländern, ohne Unterstützung durch Familienmitglieder würden viele nicht durchkommen.
Nun sitze ich im Flugzeug auf der Startbahn von Palermo. Der Flug verspätet sich, da die Lotsen in Italien (und anscheinend in halb Europa) streiken. Während ich diesen vorerst letzten Blog tippe, ist sie wieder da: Die Welle der Dankbarkeit, welche mich immer und immer wieder erfasst. Dieses Mal ist sie sanft und es fühlt sich an, als ob ich mich im Meer treiben lasse. Das liegt wohl daran, dass ich rundum zufrieden mit meinem Leben und – noch wichtiger – mit mir selbst bin. Ein unbezahlbares Gefühl, welches Reisen immer wieder in mir auslöst. Zum Glück spüre ich das nicht nur beim Reisen, sondern auch im Alltag, sonst müsste ich ja ständig unterwegs sein ;) Spass beiseite, nun fühle ich mich bereit nach Hause zu kommen, wo weitere Abenteuer auf mich warten. Zuerst einmal auspacken, einige Termine, eine Arbeit schreiben (das hatte ich ja erfolgreich verdrängt!) und dann bleibt sicherlich auch noch genügend Zeit für Familie und Freunde. Und mein Bett, das vermisse ich immer und kann es kaum erwarten mich darin einzukuscheln. In einer Woche starte ich meinen neuen Job in der Personalentwicklung, worauf ich mich sehr freue. Aber ich wäre nicht ich, wenn ich mir nicht bereits Gedanken über nächste Reiseziele gemacht hätte… Aber eins nach dem andern, gell.
Alora, nun ist endgültig finito. Nur noch soviel: Lasst uns immer wieder neue Wege gehen und dabei das Leben geniessen – la vita è bella!